Kooperative Bewertung und Kommunikation der systemischen Risiken ubiquitärer Informations- und Kommunikationstechnologien

Laufzeit: 01.10.2005 - 31.03.2010

Ziel des Projektes ist die beispielhafte Entwicklung einer Strategie zum Umgang mit Risiken die durch die Durchdringung des Alltags mit Informations- und Kommunikationstechnologien entstehen können. Es geht dabei um eine technologische Perspektive (AACC: Anytime Anywhere Communication and Computing), die weit über die heutigen Möglichkeiten des Mobilfunks und der mobilen Datenverarbeitung hinausreicht.

Es sollen zum einen Verfahren zur Identifizierung und Bewertung der Risiken von AACC erarbeitet werden. Zum anderen soll aus dem Projekt heraus ein Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog über die technischen Entwicklungen und ihre Einsatzmöglichkeiten sowie die damit möglicherweise verbundenen Risiken geleistet werden. Parallel dazu sollen die vorliegenden Ansätze zum Verständnis systemischer Risiken weiter entwickelt werden.



Ausgangslage

Anytime, Anywhere Communication and Computing

In zahlreichen Studien zur technologischen Entwicklung wird für die Zeit um das Jahr 2015 eine weitgehende Durchdringung des Alltags mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) prognostiziert. Für diese umfassende IKT-Infrastruktur, deren Dienste an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung stehen, wird im Folgenden das Kürzel AACC (Anytime, Anywhere Communication and Computing) verwendet. Erste Schritte in Richtung von AACC sind durch die flächendeckenden Mobilfunknetze mit Sprach- und Datendiensten, ein dichtes Netz von WLAN-Hot Spots und den Einsatz von 'smarten' Warenkennzeichnungen (RFID) gemacht. Die AACC-Visionen gehen jedoch weit über eine Verdichtung der heutigen IKT hinaus. AACC ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

  • Miniaturisierung: IKT-Komponenten werden kleiner und damit portabler
  • Einbettung: IKT-Komponenten werden häufiger in andere Geräte und Gegenstände des täglichen Gebrauchs eingebettet ('Smart Objects')
  • Vernetzung: IKT-Komponenten sind in der Regel drahtlos miteinander vernetzt
  • Allgegenwart: IKT wird allgegenwärtig und versieht ihren Dienst immer unauffälliger
  • Kontextsensitivität: IKT-Komponenten beschaffen sich durch drahtlosen Datenaustausch und mittels Sensoren Informationen über ihre Umgebung
Führend bei dieser technologischen Entwicklung sind Anwendungen in den Bereichen Information, Kommunikation und Unterhaltung, aber auch bei Verkehr, Marketing, Warenlogistik und Wohnen sowie im Gesundheitswesen werden große AACC-Potenziale gesehen.
Ob und in welchem Ausmaß AACC den Alltag durchdringt, wird entscheidend davon abhängen, wie sich die Nachfrage im Spannungsfeld der qualitativen und finanziellen Attraktivität der Angebote einerseits und der möglicherweise mit AACC verbundenen ökologischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Risiken sowie dem Ausmaß einschränkender Regulierungsmaßnahmen andererseits entwickelt. Die Abwägung der Chancen und Risiken von AACC, ist letztlich von der Wissenschaft allein nicht zu leisten, sondern kann nur im gesellschaftlichen Diskurs erfolgen. Diesem muss allerdings rechtzeitig Zeit eingeräumt werden, denn wird eine Technologie erst einmal breit genutzt, sind die volkswirtschaftlichen Kosten für eine Abkehr von dieser Technologie unter Umständen so hoch, dass sie auch bei Fehlentwicklungen nicht erfolgt.
Ziele, Struktur, Arbeitsinhalte und Methoden
Mit dem Projekt soll ein Beitrag zur Identifizierung und Bewertung möglicher Risiken durch AACC geleistet und der gesellschaftliche Diskurs über die Chancen und Risiken von AACC unterstützt werden. Am Beispiel von AACC soll eine Strategie zum Umgang mit technogenen systemischen Risiken entwickelt werden, die auf zwei Ansätzen basiert:
  • Kooperative Bewertung von Risiken, das heißt Einbeziehung von Experten und unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren in die Identifizierung und Bewertung von Risiken
  • Symmetrische Risikokommunikation, das heißt gleichberechtigter Dialog von Experten und Betroffenen über und zielgruppengerechte Kommunikation zu möglichen Risiken.

Das Vorhaben gliedert sich in drei Teilprojekte


Teilprojekt 1: Identifizierung, Bewertung und Wahrnehmung von IKT- und AACC-Risiken

Im Mittelpunkt der Arbeiten in diesem Teilprojekt stehen
- die Entwicklung von Kriterien zur Bewertung technogener Risiken
- die Identifizierung und Bewertung ökologischer, sozialer, kultureller und ökonomischer Risiken von AACC bzw. konkreter Anwendungen ubiquitärer IKT
- die Analyse der systemischen Risikopotentiale von AACC auf der Basis einer systemwissenschaftlich begründeten Definition des Begriffs Systemisches Risiko.

Ein zentraler Arbeitsschritt in diesem Teilprojekt ist die Durchführung eines Risiko-Delphi-Verfahrens unter Beteiligung von Experten, gesellschaftlichen Akteuren und Laien unterschiedlicher sozialer Herkunft.

Teilprojekt 2: Wahrnehmung und Verhaltensrelevanz von IKT- und AACC-Risiken

Im zweiten Teilprojekt werden
- die Wahrnehmung von Risiken im Zusammenhang mit IKT und AACC in der Bevölkerung,
- die Relevanz der in der Bevölkerung verbreiteten Risikobewertungen für verschiedene Handlungsintentionen im Zusammenhang mit AACC
- sowie die Implikationen für die Risikokommunikation
untersucht.

Hierzu werden qualitative Untersuchungen (Fokusgruppen, tiefenpsychologische Einzelexplorationen) und eine Repräsentativbefragung differenziert nach sozialen Milieus durchgeführt.

Teilprojekt 3: Dialog und Risikokommunikation

Die Befunde aus den Teilprojekten 1 und 2 bilden die Grundlage für
- verschiedene Module, mit denen der gesellschaftliche Dialog über AACC gefördert und inhaltlich unterstützt werden soll,
- die Erarbeitung von Empfehlungen für eine Vorsorgestrategie im Zusammenhang mit AACC-Anwendungen in ausgewählten Bereichen unter Beteiligung von Experten und Laien
- sowie die Entwicklung eines Konzepts für eine zielgruppengerechte Risikokommunikation im Zusammenhang mit AACC

Hierfür sind u.a. Stake Holder-Foren, Bürgergutachten, Laborgespräche für Journalisten, öffentliche Informationsveranstaltungen und die Erstellung einer AACC-Simulation vorgesehen.


Die Komplexität der Fragestellungen erfordert einen interdisziplinären Forschungsansatz. Es wird naturwissenschaftliche, technische, sozial-, und kommunikationswissenschaftliche sowie psychologische Kompetenz benötigt und durch die Partner des Forschungsverbundes in das Projekt eingebracht:

Ein wichtiges Anliegen des Projekts ist die Einbeziehung wissenschaftlichen Wissens aus weiteren Disziplinen und außerwissenschaftlicher Erfahrungen und Interessen in die Identifizierung und Bewertung möglicher Risiken von AACC. Es werden daher sowohl wissenschaftliche Experten und Partner aus der IKT- und der Versicherungswirtschaft als auch Praktiker aus der Risikoberatung und -kommunikation in das Projekt eingebunden.

Das Projekt zielt auf die folgenden konkreten Ergebnisse:

  1. ein Verfahren zur Identifizierung und Bewertung technogener systemischer Risiken, das am Beispiel von AACC erprobt wurde und bei anderen Technologien angewendet werden kann
  2. Erkenntnisse zur Anwendbarkeit des Vorsorgeprinzips bei systemischen Risiken
  3. ein Zielgruppenhandbuch mit einer Typologie der Einstellungen und des Verhaltens im Zusammenhang mit IKT und IKT-Risiken
  4. ein Konzept für die Risikokommunikation, das den unterschiedlichen Einstellungen zu Risiken im Zusammenhang mit AACC und den spezifischen kommunikativen Präferenzen in verschiedenen Zielgruppen Rechnung trägt
  5. Beiträge zum gesellschaftlichen Dialog über AACC.

Erste Ergebnisse des Vorhabens wurden bei zahlreichen Tagungen und öffentlichen Veranstaltungen sowie in den folgenden Publikationen vorgestellt:

Neitzke H.-P., Calmbach M., Behrendt D., Kleinhückelkotten S., Wegner E. & Wippermann C. 2008: Risks of Ubiquitous Information and Communication Technologies. GAIA 17/4 (2008): 362-369
Kleinhückelkotten S. & Neitzke H.-P. 2009: Leben in der vernetzten Welt - Chancen und Risiken allgegenwärtiger Informations- und Kommunikationstechnologien. EMF-Monitor 14(2): 1-11


Weitere Informationen zum Projekt und die Berichte des Forschungsverbundes sind über die Internet-Seite des Forschungsverbundes zugänglich: www.aaccrisk.de

Ansprechpartner
Dr. H.-Peter Neitzke
ECOLOG-Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung gGmbH
Nieschlagstraße 26
30449 Hannover
Tel.: +49 (0)511-92456-46
Fax: +49 (0)511-92456-48
E-Mail: Kontakt

 

Publikationen im Rahmen des Projekts

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Kontakt

  • Dr. H.-Peter Neitzke

    • Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung gGmbH (Ecolog)
    • Nieschlagstr. 26
    • 30449 Hannover
    • Telefonnummer: 0511/47 39 15 12
    • Faxnummer: 0511/47 39 15 29
    • E-Mail-Adresse: